Die Aufführung: Glanz und Gloria im Quartier

Heute war es also soweit. Der große Tag war da. Bereits ab 14:30 Uhr versammelten sich erwartungsvolle Bewohner, Besucher und sonstige Gäste im Café, um der Aufführung beizuwohnen, die um 15:30 Uhr beginnen sollte. 

Der vereinbarte Zeitpunkt zu einer letzten Besprechung für die Darsteller war 15:00 Uhr, doch um 15:15 Uhr waren immer noch nicht alle da – Maxi Düking, Sofia Süssmuth und Miriam Jaskola  fehlten. Wir fingen bereits an uns zu überlegen, wie wir die Ausfälle ersetzen könnten, als zuerst Maxi eintrudelte und dann Sofia und Miriam etwas abgehetzt erschienen – eine Fahrradkette war abgesprungen, was bekanntlich meistens passiert, wenn man es super eilig hat und dringend irgendwo hin muss.

Nun waren also alle da.

Annie richtete ein paar aufmunternde Worte an alle und führte ein Ermutigungsritual durch, dass sie im zentalamerikanischen Dschungel beim Ayahuasca-Kult unkontaktierter First Nation Stämme gelernt hatte.

Aber vielleicht hab ich da auch was verwechselt.

Jedenfalls bezogen die Darsteller positiv motiviert, mental gestärkt und zu allem bereit ihre Positionen im Saal und auf der Bühne und los ging’s

Annie We bei den Quitzli-Quatzoalkwekel im gualtemaltekischen Dschungel: Motiviert auf die Jaguarjagd!
Gleich geht’s los! „Lenchen“ (Jutta Küll) auf dem Weg zu ihrem Auftritt

Um es kurz zu machen: es war fantastisch und ein Riesenerfolg. Von der Generalprobe zur Aufführung war offensichtlich ein Quantensprung erfolgt, der Stück und Ensemble in eine andere Dimension transportierte. Die Szenen liefen flüssig ab, die Übergänge flutschten. Es gab keine oder kaum Hackler oder Aussetzer, und vor allem wirken die Darsteller beinah schon professionell in ihrer souveränen und witzigen Art, mit der sie ihre Rollen mit Leben füllten. Das Spiel wirkte leicht, locker und entfaltete sich flüssig auf der Bühne.

Besonders die Nummern-Boys Max und Moritz (Maxi und Max) waren heute on top of everything, hatten ihre Rollen voll im Griff und überzeugten durch gut überlegte, passende inhaltliche Erweiterungen ihrer Texte.

Dasselbe muss, ohne Ausnahme, von allen Darstellern vermeldet werden. Die „Mädels unter sich“ hatten sich anscheinend nicht nur outfitmäßig optimiert, sondern glänzten durch flüssige Beherrschung ihrer Sprechrollen bei durchweg solider Lautstärke. Marla hatte Schminkutensilien mitgebracht, „Moritz-Mutter“ Traudel stellte einen handlichen Schmink-Klappspiegel zur Verfügung, und das Zeichen für „Oma Roses“ Erscheinen (ein lautes gemeinsames „AUA!!“ der beiden sitzenden, an ihren Haaren zu fest gekämmten Alisa und Marla) klappte so gut, als hätten sie es bis zur Perfektion geübt.

Zu Beginn des Stückes – als die Darsteller schon, nachdem sie durch den Publikumsraum gekommen waren, ihre Plätze eingenommen hatten – kamen immer noch Bewohner und Besucher durch den Flaschenhals des Eingangs, so dass Platzanweiser Sönke Erichsen alle Hände voll zu tun hatte, die Leute zu (ar)rangieren und dort vorne irgendwie für Ordnung zu sorgen. Dadurch entstand eine gewisse Unruhe, die Hausmeisterin Johanna durch die geniale Eingebung überbrückte, eine weitere Variation ihres berühmten Besentanzes aufzuführen.

Danach lief alles wie geschnitten Brot und die Szenenabfolge entfaltete sich mühelos und ohne Längen vor den Augen des begeisterten Publikums: Hausmeister Johann und Gattin stritten und versöhnten sich, Lenchen hielt Verzell und trank sich einen mit Johann, Mutter Traudel brachte Max und Moritz mit Geld und Eis zum Hecke schneiden, und Oma Rose erreichte mit ihrer von den „Mädels unter sich“ inspirierten Romantikszene die Herzen der Zuschauer, gekrönt von einem leichtfüßig herbei huschenden jugendlichen Liebhaber Elias, der sich extra zu diesem Zweck mit einem Strandhütchen und einem Hawaiihemd ausgestattet hatte.

All dies erkannten wohl die meisten Zuschauer als Teil ihrer eigenen (früheren) Lebenswirklichkeit oder aus der Erinnerung – immer wieder erklang Lachen über einzelne Szenen oder Dialoge, und das Publikum spendete üppigen Applaus.

Die Aufführung war jedenfalls ein einzigartige Abwechslung im Heim-Alltag und für Darsteller und Zuschauer ein unvergeßliches Erlebnis. Der einzige kleine Wermutstropfen, die auffällige Abwesenheit des Einrichtungsleiters, wurde von verschieden Seiten mit Unverständnis quittiert, konnte aber den grandiosen Erfolg unseres Projektes nicht schmälern.

Beim anschließenden Publikumsgespräch wollten die Fragesteller unter anderem wissen

  • wie lange hatten wir geprobt?
  • wie sind Schüler und die alten Leute zusammengekommen?
  • wie wurde das Stück erarbeitet?
  • und immer wieder: ob wir das Projekt weiterführen und eine Fortsetzung planen.

Damit stand schon nach dieser ersten Aufführung fest: die Zuschauer fanden es klasse, sie würden gern mehr davon sehen und die Beteiligten, die Darsteller – und zwar alt und jung – brachten allesamt zum Ausdruck, wie viel Ihnen das Projekt gebracht hat und wie gerne sie bei einer Fortführung dabei wären.

Irgendeiner brachte die Idee auf, dass wir doch Hausmeister Johanns projektbegleitende Zeichnungen versteigern und das damit eingenommene Geld als Basis für die Projektfortführung benutzen könnten. Und tatsächlich kam aus dem Bereich des Publikum schon die eine oder andere Anfrage, ob und wie man diese Bilder erwerben könne.

So vermischten sich Bühnenfiktion und Realität, und Hausmeister Johann wird – ganz wie seine Johanna viisioniert hatte – vielleicht doch noch wenn nicht berühmt, dann zumindest ein Künstler, der auch mal ein Bild verkauft, statt nur in seinem Büdchen brotlose Kunst zu produzieren.

Stimmen zum Stück:

„Du warst unsere Stütze!“ (Magdalene Söldner zu Elias Thai)

„Alter ist nur eine Zahl“ (Max Messner)

„Der Generationen-Austausch ist so wichtig!“  (Ursula Schmidt-Straer)

„Ich freue mich wirklich, dass die Jugendlichen gesagt haben, dass sie es hier bei uns schön finden…!“ (Traudel Blasberg)

„Man kann sich auch als jüngerer Mensch mit älteren anfreunden!“ (Maxi Düking)

„Das war eine neue Erfahrung auf den alten Tag!“ (Magdalene Söldner)

„Respekt und Dank an die beiden Ältesten, Frau Baum und Frau Söldner, dass sie hier dabei waren!“ (Elias Thai)

„Alles ist möglich, egal wie alt man ist!“ (Astrid Jäger)

“Wenn die Generalprobe in die Hose geht, wird die Premiere ein Erfolg!“ (Annie We)


Wesentliches Fazit: Die Zusammenarbeit im Theaterprojekt hat für beide Enden des Altersspektrums die nützliche und konkrete Erfahrung gebracht, die eigenen Sichtweisen auf Alter beziehungsweise Jugend zu überprüfen und in eine neuen Perspektive zu rücken. Wie es aus den Reihen der Jugendlichen formuliert wurde: „Meine Erfahrungen mit diesem Projekt? Dass nicht alle alten Leute keine Jugendlichen mögen.“ 

Die älteste und die jüngste Teilnehmerin: Maria Baum (106) und Marla Rüter (11)

Die Generalprobe: Erfolg oder Desaster?

Geschrieben aus der Perspektive von Hausmeister Johann.

Haben wir die Feuertaufe bestanden oder nicht? Diese Frage stellt sich einem verdutzten Hausmeister Johann, der – weitgehend von seinem Büdchen aus – das Geschehen auf der Bühne und im Zuschauerraum beobachtete.

Zunächst mal hatten wir es diesmal mit ganz anderen Räumlichkeiten zu tun, nämlich mit dem Hauptbereich des Cafés, was einen ziemlich aufwändigen Umbau erforderte und natürlich für uns komplett neu war, da wir bis jetzt immer nur im kleinen Raum geprobt hatten.

Die Temperaturen waren einigermaßen erträglich, und wir sorgten für Abkühlung durch den Einsatz unseres mobilen Klimageräts (während der Aufführung selbst schalteten wir es ab, weil es doch ziemlich laut ist und die ohnehin schwierige Akustiksituation noch kompliziert hätte).

Der zweite im Vergleich zu den bisherigen Proben komplett unterschiedliche Aspekt war das Spielen vor Publikum. Etwa 20 oder 25 Bewohner und einige Gäste waren gekommen, um unserer Generalprobe beizuwohnen.

Wer gedacht hatte, dass eine Generalprobe einfach ein 1-zu-1 Vorab-Durchlauf eines Stückes ist, sah sich getäuscht, denn unsere Chefregisseurin Annie ließ zuerst mal Szene drei und Szene sechs, jedenfalls Teile davon, spielen – und sorgte somit zumindest bei dem armen Hausmeister Johann für erste Verwirrung.

Dann folgte ein Glitch dem anderen:

  • Es war nicht ganz klar, ob unsere beiden Motto-Aufsagerinnen Maria Baum und Magdalene Söldner bereits zu Beginn am Eingang sitzen sollten oder in der ersten Reihe des Publikumsraumes.
  • Bei der Szene „Lenchen und Johann halten Verzell am Büdchen“ kam plötzlich Johanna als erste auf die Bühne und und brachte den geplanten Ablauf durcheinander. Lenchen und Johann sprachen teilweise wieder zu leise und mussten mit jedem neuen Anlauf um einen Meter weiter nach vorne positioniert werden, damit das Publikum eine Chance hatte, sie zu verstehen.
  • Zwischendurch fiel im Hintergrund irgendetwas zu Boden, was erstens ziemlichen Krach machte und zweitens Elias dazu veranlasste, quer durch den Zuschauerraum zu sprinten, um irgendeine Art von Lappen zu besorgen, damit er das Malheur aufwischen konnte.
  • Dann war bei der Schlusszene die Musik zu zu leise: Johann hatte nämlich bei der Eingangsmusik (die so laut war, dass ihm vor Schreck beinah der Hut weggeflogen wäre) die General-Lautstärke der Lautsprecherbox um beinah die Hälfte reduziert und vergaß dann, die Standardregelung wieder einzustellen, so dass bei der Abschlusszene der Beatles Song „Birthday“ nicht auf die optimale Lautstärke hochgefahren werden konnte. Zudem wirkte der “Einmarsch der Gladiatoren“, also das abschließende Versammeln aller Darsteller auf der Bühne, irgendwie konfus, manchmal zu schnell, manchmal zu langsam und insgesamt reichlich unkoordiniert.
  • Bei der Titanic-Romantik-Szene fing „Oma Rose“ plötzlich an, von ihrer Reise auf der Titanic mit Jack zu erzählen, als ob sie 1912 beim Untergang der Titanic dabei gewesen wäre, so dass sich der jetzt vollends verwirrte Johann in seinem Büdchen fragte, wie sie das denn überleben konnte und wie alt sie jetzt sein müsse…
  • Zu guter Letzt vergaß Johann auch noch, den Grill hervor zu holen und die Leute mit „Bratwürsten“ zu versorgen, so dass alle laut „DER GRILL!! DER GRILL!!“ rufen mussten, um ihn daran zu erinnern

Kurzum: es war ein rechtes Desaster und machte insgesamt einen äußerst zerfahrenen und diffusen Eindruck!

Aber machte es das wirklich?

Das war die Frage, die die beiden Direktoren sich hinterher stellten. Annie verneinte es entschieden und wies daraufhin, dass die neuen Räumlichkeiten, das Spielen vor Publikum für einige Nervosität gesorgt hatte, dass insgesamt aber die Sache einigermaßen rund und keineswegs zerfahren oder abgehackt wirkte.

Immerhin machen wir ja für all diese Erfahrungen so eine Generalprobe. Auch morgen bei der Aufführung werden sicherlich noch einige Fehler und Hänger vorkommen. Aber dadurch, dass wir jetzt in den neuen Räumlichkeiten wenigstens einmal schon das Stück spielen konnten, haben wir eine gute Basis, um die Aufführung morgen glatt über die Bühne laufen zu lassen.

Die widersprüchlichen Eindrücke, die unser geplagter Hausmeister von dieser Generalprobe zunächst einmal unter seinen Hut bringen musste, glätteten sich auf einmal und glichen sich aus wie ein Waage in Balance, als es ihm wie Schuppen von den Haaren fiel, was er neben den negativen Sachen, die sich zunächst in den Vordergrund gedrängt hatten, alles an positiven Elementen wahrgenommen hatte:

  • Die “Mädels unter sich“ boten nicht nur eine passable, sondern eine hervorragende Darstellung, sprachen laut und waren als Vierer-Team eine Klasse für sich.
  • Und die Nummern-Boys „Max und Moritz“ hatten ihre Rolle so kreativ angepasst, dass nichts mehr von „ Wir sind zu doof, um uns einen Satz zu merken“ übrig blieb, sondern die beiden tatsächlich wie zwei coole, aber nicht gerade lernbeflissene Teenager wirkten, die gemeinsam versuchen, sich zu erinnern, was das für ein Satz war, den sie aufsagen sollte.
  • Sie strahlten –  ebenso wie die „Mädels“ – Souveränität und Witz aus; gelegentliche Übertreibungen bei der Betonung und dem allzu braven Inhalt ihrer Texte (Teenager sind keine Vorschulkinder, die man mit einem Eis zum Hecke schneiden motivieren kann – die wollen natürlich Geld sehen, oder andere substantielle Belohnungen) wurden von Annie on the spot aufgegriffen und in die richtige Bahn gelenkt.
  • Überhaupt war Annies Regieführung zielgerichtet und intensiv und bewirkt hoffentlich ein einigermaßen ruckelfreies Spiel bei der Aufführung morgen.
  • Auch Elias war wieder eine „Bank“; ein Darsteller und Hinter-den-Kulissen-Akteur, der mit seinen diversen Aufgaben gut zurechtkam und ein waches Auge für Ablauf und Situationserfordernisse hatte.

Fotos gibt’s wenige von heute, da wir alle mit Generalprobe beschäftigt waren und auf der Bühne waren. Max machte einen Versuch, das ganze zu filmen, aber erstens war unser improvisiertes Stativ zu wackelig und belegte einen Platz in der ersten Reihe, den immer wieder Besucher besetzen wollten und zweitens verlor sein Handy auf halber Strecke die Ladung, so dass die Sache mit der Filmaufzeichnung (jedenfalls heute) ins Wasser fiel.

Die Rückmeldungen von den Bewohnern waren übrigens durchweg eher positiv. Ihnen war klar, dass sie ein „work in progress“ sahen und dass dies nicht das fertige Stück war. WAS sie sahen, gefiel Ihnen (soweit sie es akustisch verstanden) recht gut und sie werden morgen mit Sicherheit alle wieder dabei sein.

Hier ein paar Eindrücke vom heutigen Set-up. Zum Glück können wir alles bis morgen so stehen lassen.

Veröffentlicht in Labor

Labor 4 – Die Endrunde

Letztes Treffen vor der morgigen Generalprobe unter erschwerten (räumlichen) Bedingungen: der zentrale Bereich des Cafés – den wir eigentlich, zur Vorbereitung auf Generalprobe und Aufführung, zu nutzen vorhatten – war vom monatlichen Spiele-Treff des Neusser „Lotsenpunkt“ belegt und im hinteren Angebots-Bereich fand parallel zu unserem Treffen der wöchentliche Gottesdienst statt. So probten wir wieder in unserem gewohnten kleinen Raum des Cafés, wodurch wir einige Szenen und Elemente des Stückes erst morgen unter den „richtigen“ Raumverhältnissen der Aufführung proben können.

Chefregisseurin Annie kündigte an, dass sie das Stück von vorne bis hinten – oder bis zur vorletzten Szene, eben so weit wie wir beim letzten Mal gekommen waren – durchspielen lassen und so wenig wie möglich eingreifen wollte. Das war schon mal eine erste Herausforderung, die aber von allen mutig angenommen wurde. Als Orientierung hatten wir ja die Rückprojektionen auf der Leinwand mit der Szenenabfolge.

Den Beamer bediente wieder Elias Thai, da „Max & Moritz“ (Maxi Duking und Max Messner) als Nummern-Boys gefordert waren. Das blieb allerdings nicht die einzige Aufgabe von Elias. Er musste ja auch die beiden Alterspräsidentinnen, Maria Baum und Magdalene Söldner, zu ihrem Auftritt geleiten, zur richtigen Zeit den Müllsack ins dramaturgische Geschehen werfen und bei den Szenen mit Stühlen diese auf die Bühne stellen. Teilweise sah man Elias deswegen wie ein jungen Gepard hin- und her jagen, um all seine Aufgaben zu erfüllen – wenn die marokkanische Fußballnationalmannschaft heute abend im WM-Viertelfinale ähnlich behende gegen Frankreich spielt, könnte sie eine reelle Chance aufs Halbfinale haben! Im übrigen stellte das variable Multi-Tasking keine nennenswerte Herausforderung für Wunderkind Elias dar, der bekanntlich mehrere Schulklassen übersprungen und quasi schon seinen Doktortitel in Molekularphysik und Quantenchemie so gut wie in der Tasche hat. Deswegen konnte er zwischendurch auch ganz entspannt eine Runde „Brawl Stars,“ spielen:

Wunderknabe Elias T. zwischen acht anderen Jobs: Eine Runde zocken geht immer.

Kurze Zusammenfassung des Ablaufs: Es hakelte hier und da mal mit Kleinigkeiten, ein paar Einsätze und Stichworte wurden vergessen, natürlich wurde streckenweise auch wieder zu leise gesprochen – aber abgesehen von diesen paar Mankos war es eine äußerst gelungene Probe. Außerdem proben wir ja genau zu dem Zweck, solche Hänger noch auszubügeln.

Das Stück „sitzt“ inzwischen ganz gut. Das Zwischenspiel mit den Nummern-Boys war tadellos, außer einem Tadel, den Nummern-Boy Maxi selber anzubringen hatte: er fragte, warum die beiden eigentlich anfangs vergleichsweise stockend und zögernd ihren Satz aufsagen, so als ob sie dumm wären. Die Antwort von Annie lautete, dass die Entwicklung dieses „running gag“ gerade davon lebt, dass die beiden von Mal zu Mal immer sicherer und besserer werden. Hausmeister Johann warf ein, dass der Eindruck der „Dummheit“ auch von den Darstellern selber abhängt, die ihre Rolle durchaus so spielen können, dass sie nicht wegen „Dummheit“, sondern wegen „Keine Lust aufs Auswendiglernen“ von anfangs „Ausreichend“ auf zum Schluss „Sehr gut“ kommen (wenn wir schon bei schulischen Analogien sind).

Eine kleine Auseinandersetzung gab es zwischen Miriam Jaskoda und „Max & Moritz“, die in Personalunion mit ihrer Nummernboy-Rolle auch noch die offiziellen Projektfotografen sind.

Miriam hatte den Eindruck, dass sich Maxi beim Fotografieren zu sehr auf sie konzentriert und viel zu viele Fotos von ihr geschossen hatte. Sie befürchtete wohl, dass damit irgendwelcher Unfug getrieben werden könnte.

Eine solche Möglichkeit nehmen wir – in Zeiten der blitzschnellen Verbreitung von Bildern im Internet und dem üblen Phänomen des Cyber-Mobbings – grundsätzlich ernst. Maxi konnte aber die Bedenken schnell ausräumen: er zeigte die Bilder, die er gemacht hatte und man konnte sehen, dass all seine Aufnahmen im Rahmen und in der Anzahl des für den Job Notwendigen waren.

Nebenher wurde „Dat Büdchen“ massiv gepimpt: insgesamt vier Spraydosen (zwei davon wurden nachträglich in einer spontanen Beschaffungsaktion von Max und Maxi aus dem Baumarkt in Allerheiligen geholt) waren erforderlich, um aus der Kartonimprovisation ein solides Retro-Büdchen zu machen. Morgen kleben wir noch Werbezettel, Zeitungscover u.ä. an das Büdchen – und dann landet es wahrscheinlich eines Tage im Theatermuseum im Düsseldorfer Hofgarten.

Die Veranstaltung heute war intensiv, arbeitsreich (zum Glück bei erträglichen Temperaturen) und brachte durch ihre Länge – insgesamt über zwei Stunden – einige Beteiligte an ihre Grenzen: bei den Älteren machte sich körperliche Erschöpfung bemerkbar, die Jüngeren ließen streckenweise erkennen, dass ihre Aufmerksamkeitsspannen teilweise deutlich unterdurchschnittlich sind. Man versteht, warum der Lehrerberuf nicht zu den beliebtesten professionellen Betätigungen zählt. Andrerseits soll nicht unerwähnt bleiben, dass alle jugendlichen Teilnehmer früher kommen, später gehen und nach Kräften helfen.

Die verbale Leisetreterei hatten wir diesmal noch ein bißchen besser im Griff als bei den Malen zuvor. Annie hatte Bruno, den schwerhörigen Stoffhund mitgebracht, den sie hochhielt, sobald die Dialoge auf der Bühne zu leise wurden. Sie hielt ihn ziemlich oft hoch. Aber es funktionierte, und fast alle dachten auch daran, quasi zu schreien, wenn sie ihre Sätze sprachen. Dieses Thema ist wohl eines der schwierigsten bei der ganzen Theaterspielerei, weil es so schwer fällt, aus der privaten Rolle (ja, auch das ist „eine Rolle“!) in die Bühnen-Rolle zu schlüpfen und sich zu vergegenwärtigen, dass man nicht zu bzw. mit sich selbst oder nahen Freunden spricht, sondern für Publikum.

Die „Mädels unter sich“ beherzigten das laute Sprechen teilweise gut, manchmal weniger gut und der Stoffhund in Annies Hand kriegte fast Schütteltrauma, so oft wie er hoch und runter gehoben wurde. Auch Lenchen hatte ihre Schwierigkeiten mit dem lauten Sprechen, dafür war sie aber in einem bezaubernden Kostüm erschienen, und mit einem noch bezaubernderen Hütchen – ganz die mondäne alte Grand Dame, die ihren Auftritt mit rheinischen Platt und einem Gehstock unterstrich.

Die Schlußszene – die Gartenparty – dürfte diejenige sein, die es noch am intensivsten zu üben gilt: die Ausgangsaufstellung, das Durcheinandergehen und -tanzen, das Zusammenkommen in einem Halbkreis und die gemeinsame Verabschiedung, schließlich der allerletzte Satz, gesprochen in (hoffentlich) absoluter Stille von Magdalene Söldner, bei der Magdalene und Maria Baum zusammen noch einmal, begleitet von Elias, nach vorne auf die Bühne gehokt werden (beide werden auch zu Beginn, beim Einlass, im Eingangsbereich Platz nehmen und die ankommenden Zuschauer begrüßen). Die gesamte Szene müssen wir noch so einüben, dass sich ein einigermaßen harmonischer Flow ergibt und wir nicht wie die aufgescheuchten Hühner durcheinander laufen oder wie die Zinnsoldaten bewegungslos umherstehen.

Die Schluss-Szene: „Am Ende schallt es lange noch – Diakonie Stift lebe hoch!“
Abschlussbesprechung und Manöverkritik durch Chefregisseurin Annie

Nachdem alle nach Hause gegangen waren, alles beendet und alles Pulver verschossen war, bauten Marla, Annie und Kay noch die Ausstellung mit vielen der Zeichnungen und Grafiken des Hausmeisters Johann auf. Eine Einladungs-Email ging raus an die Sponsoren des Projektes; wer wann erscheint, wissen wir nicht – außer bei unserem Lieblingssponsor, der Evangelischen Kirchengemeinde Norfbach, personifiziert von niemand anderem als unserem Hauspfarrer Sebastian Appelfeller, der sich die Generalprobe am morgigen Freitag anschauen will. Damit liegt gewissermaßen Gottes Segen auf unserem Tun und wir können beruhigt in die Aufführung am Samstag gehen!

Labor 3c: Mit Riesenschritten in Richtung Aufführung

Der Wetterbericht:
Mit 27 °C war es zwar um 10° kühler als im letzten Samstag, aber dennoch ein warmer Sommertag, so dass wir die meiste Zeit unsere Kältemaschine laufen ließen.

In einer Woche, am Tag der Uraufführung, werden die Temperaturen wieder deutlich über 30° klettern. Wir denken lieber nicht darüber nach, was das bedeutet und wie wir das in einem mit Publikum angefüllten Saal überstehen. Immerhin erzählt unser Stück ja von Begebenheiten in der Siedlung mitten im Sommer und nicht im Winter.

Probenablauf:
Heute war Annie wieder dabei, und damit war eine straffere, professionelle Regie gewährleistet. Oder, um es mal WM-gemäß im Fußballjargon auszudrücken: was sich unter Interimsregisseur Kay Strathus mit ein paar Aufwärm- und Lockerungsübungen zu zwei entspannten Trainingseinheiten gestaltet hatte, geriet unter Chefcoach Annie We schnell wieder zum Profi-Programm mit Waldlauf, Medizinbällen und taktischen 1-zu-1 Pressing- und Defensivübungen.

Und das tat dem Team gut! Wir gingen diesmal fast das gesamte Stück vom Intro bis zur Szene 5 durch (weiter kamen wir nicht, obwohl wir schon reichlich die veranschlagte Probendauer überzogen). Annie begutachtete die Szenen und unterbrach, wenn etwas nicht stimmig war, um das Beste aus den Darstellern herauszuholen.

Maria Baum erhielt „Geleitschutz“ bei ihrem Weg auf die Bühne, wo sie ihren Eingangssatz, das Schillerzitat vom bösen Nachbarn, rezitierte. Schon aus Gründen der Trittsicherheit bzw. Sturzgefahr wurde beschlossen, dass Elias Thai sowohl Maria Baum wie Magdalene Söldner bei ihren Eingangs- und Ausgangssätzen auf die Bühne begleitet. Auch Letztere hatte Gelegenheit, den Schlusssatz – die chinesische Weisheit vom nahen Nachbarn und den fernen Verwandten – zu deklamieren. Ehemalige Berufsschullehrerin die sie ist, sprach sie klar und hörbar und schmückte den Satz sogar noch ein bisschen aus.

Die schwierigste und gleichzeitig schönste Szene ist sicherlich die „Mädels unter sich“-Szene, wo Oma Rose, nach dem Anblick der jungen Mädchen vor dem Spiegel, sentimentale Reminiszenzen vergangener Zeiten heraufbeschwört. „Romantische Szenen und Stimmungen müssen langsam gespielt werden! Sie brauchen mehr Zeit als andere!“ erklärte uns Annie.  

Ursula Schmitz-Straer konnte sich unter Annies Regie gut in die besondere Stimmung der Situation hineindenken und brachte ohne viele Worte eine schöne, von der passenden Musik unterstützte romantische Erinnerungsszene auf die Bühne, die der Gänsehautgrenze nahe kam.

Ähnlich gingen wir bei den anderen Szenen vor. Die Darsteller wurden von Annie gleichzeitig zielgerichtet und behutsam dazu gebracht, ihre Figur und ihre Rolle so zu spielen, wie es eine Aufführung vor Zuschauern braucht.

Die Schwierigkeit, die wir dabei alle haben – und zwar egal, ob alt oder jung  – ist erstens die der Lautstärke und zweitens das langsame Sprechen.

Was das ausreden lassen bzw. das Nicht-durcheinanderquatschen betrifft, hatten wir uns im Vergleich zu den letzten Malen schon stark verbessert. 

In den jetzt noch anstehenden zwei Proben werden wir noch an unserer Intonation und unserem Volumen arbeiten – „Stellt euch vor, ihr müsst so laut rufen, dass jemand, der da drüben auf dem Balkon steht, euch hören kann!“ lautete Annies bildhafte Anweisung dazu, wobei sie auf die Gebäude gegenüber zeigte.

Dat Büdchen
Der von unserer Bühnebildverantwortlichen Alisa Meierle zusammengebastelte Pappaufsatz für den Küchenwagen – unser „Büdchen“ – weist bei näherer Betrachtung und im wiederholten Einsatz ein paar Schwachstellen auf, die es noch zu verbessern gilt: insbesondere die rückwärtigen Stützen müssen unbedingt verstärkt werden, wenn das Büdchen nicht irgendwann über Hausmeister Johann zusammenbrechen soll. Das kann keiner wollen.

Außerdem muss es seinen Karton-Look loswerden. Zu diesem Zweck soll es mit einer Spraydose eingefärbt werden. Eine kurze Befragung ergab, dass Dunkelgrün eine sehr hausmeisterliche und büdchenhafte Farbgebung sei, und es wurde beschlossen, am kommenden Donnerstag die notwendigen Maßnahmen durchzuführen.

Außerdem fehlt noch einiges von den benötigten Requisiten, die alle noch bis zum abschließenden „Labor“ und rechtzeitig zur Aufführung beschafft werden müssen, darunter so wesentliche Dinge wie die verschiedenen Getränke, die am Büdchen verkauft werden, ein geeignetes Kopftuch für Johanna, ein Retro-Netzeinkaufsbeutel, ein Gehstock und ein passendes Hütchen für Lenchen usw.

Welches Hütchen darf‘s denn sein? Lenchen im Entscheidungsdilemma.

Und: wir haben uns auf einen Namen für die Straße geeinigt, in der unsere Siedlung liegt: Diakoniestraße wird sie heißen („Stiftstraße“ erschien uns zu schwer auszusprechen).

Fazit:
Wir haben mit dem abschließenden Labor 3 einen Riesenschritt in Richtung Aufführung getan. Bis auf die letzten beiden Szenen haben wir alle live durchgespielt und arbeiten an der Optimierung. Der Ablauf hat sich den Teilnehmern inzwischen ziemlich gut eingeprägt. Wir haben festgestellt, welche Requisiten noch fehlen und welche noch erstellt oder verbessert werden müssen. Leider hat sich das „Projekt Haken-Spanndraht-Theatervorhang“ nicht so realisiert, wie wir es uns vorgestellt hatten. Vor allen Dingen aus dem Grund, dass wir in den Räumlichkeiten des Cafés nicht in die Wände oder Decken bohren dürfen. Ob und wie wir jetzt überhaupt einen Vorhang haben werden, steht in den Sternen, und die sind ziemlich weit entfernt.

Es ist festzustellen, dass die Projektbeteiligten zu einer netten kleinen Truppe, einem guten Team, zusammengewachsen sind. Obwohl von den Bewohnern inklusive Service Wohnen „nur“ vier mitmachen, auf Schülerseite ebenfalls vier oder fünf, plus Astrid Jäger als Angehörigenvertreterin und Co-Direktor Kay Strathus als Hausmeister, sind jedesmal zehn bis fünfzehn weitere Bewohner dabei – offiziell als Statisten, vor allem aber als gleichwertige Teilnehmer unseres Bühnenstückes. Für beide Seiten, jung und alt, ist es eine schöne und wertvolle Erfahrung, das entgegengesetzte Ende der Alterspyramide einmal live und in Aktion zu sehen – und dabei allerlei vorgefasste Meinungen, vielleicht auch Vorurteile, ad acta legen zu können.

Ein paar Eindrücke vom „Labor 3c“:

Veröffentlicht in Labor