Heute war es also soweit. Der große Tag war da. Bereits ab 14:30 Uhr versammelten sich erwartungsvolle Bewohner, Besucher und sonstige Gäste im Café, um der Aufführung beizuwohnen, die um 15:30 Uhr beginnen sollte.
Der vereinbarte Zeitpunkt zu einer letzten Besprechung für die Darsteller war 15:00 Uhr, doch um 15:15 Uhr waren immer noch nicht alle da – Maxi Düking, Sofia Süssmuth und Miriam Jaskola fehlten. Wir fingen bereits an uns zu überlegen, wie wir die Ausfälle ersetzen könnten, als zuerst Maxi eintrudelte und dann Sofia und Miriam etwas abgehetzt erschienen – eine Fahrradkette war abgesprungen, was bekanntlich meistens passiert, wenn man es super eilig hat und dringend irgendwo hin muss.
Nun waren also alle da.
Annie richtete ein paar aufmunternde Worte an alle und führte ein Ermutigungsritual durch, dass sie im zentalamerikanischen Dschungel beim Ayahuasca-Kult unkontaktierter First Nation Stämme gelernt hatte.
Aber vielleicht hab ich da auch was verwechselt.
Jedenfalls bezogen die Darsteller positiv motiviert, mental gestärkt und zu allem bereit ihre Positionen im Saal und auf der Bühne und los ging’s
Annie We bei den Quitzli-Quatzoalkwekel im gualtemaltekischen Dschungel: Motiviert auf die Jaguarjagd!
Gleich geht’s los! „Lenchen“ (Jutta Küll) auf dem Weg zu ihrem Auftritt
Um es kurz zu machen: es war fantastisch und ein Riesenerfolg. Von der Generalprobe zur Aufführung war offensichtlich ein Quantensprung erfolgt, der Stück und Ensemble in eine andere Dimension transportierte. Die Szenen liefen flüssig ab, die Übergänge flutschten. Es gab keine oder kaum Hackler oder Aussetzer, und vor allem wirken die Darsteller beinah schon professionell in ihrer souveränen und witzigen Art, mit der sie ihre Rollen mit Leben füllten. Das Spiel wirkte leicht, locker und entfaltete sich flüssig auf der Bühne.
Besonders die Nummern-Boys Max und Moritz (Maxi und Max) waren heute on top of everything, hatten ihre Rollen voll im Griff und überzeugten durch gut überlegte, passende inhaltliche Erweiterungen ihrer Texte.
Dasselbe muss, ohne Ausnahme, von allen Darstellern vermeldet werden. Die „Mädels unter sich“ hatten sich anscheinend nicht nur outfitmäßig optimiert, sondern glänzten durch flüssige Beherrschung ihrer Sprechrollen bei durchweg solider Lautstärke. Marla hatte Schminkutensilien mitgebracht, „Moritz-Mutter“ Traudel stellte einen handlichen Schmink-Klappspiegel zur Verfügung, und das Zeichen für „Oma Roses“ Erscheinen (ein lautes gemeinsames „AUA!!“ der beiden sitzenden, an ihren Haaren zu fest gekämmten Alisa und Marla) klappte so gut, als hätten sie es bis zur Perfektion geübt.
Zu Beginn des Stückes – als die Darsteller schon, nachdem sie durch den Publikumsraum gekommen waren, ihre Plätze eingenommen hatten – kamen immer noch Bewohner und Besucher durch den Flaschenhals des Eingangs, so dass Platzanweiser Sönke Erichsen alle Hände voll zu tun hatte, die Leute zu (ar)rangieren und dort vorne irgendwie für Ordnung zu sorgen. Dadurch entstand eine gewisse Unruhe, die Hausmeisterin Johanna durch die geniale Eingebung überbrückte, eine weitere Variation ihres berühmten Besentanzes aufzuführen.
Danach lief alles wie geschnitten Brot und die Szenenabfolge entfaltete sich mühelos und ohne Längen vor den Augen des begeisterten Publikums: Hausmeister Johann und Gattin stritten und versöhnten sich, Lenchen hielt Verzell und trank sich einen mit Johann, Mutter Traudel brachte Max und Moritz mit Geld und Eis zum Hecke schneiden, und Oma Rose erreichte mit ihrer von den „Mädels unter sich“ inspirierten Romantikszene die Herzen der Zuschauer, gekrönt von einem leichtfüßig herbei huschenden jugendlichen Liebhaber Elias, der sich extra zu diesem Zweck mit einem Strandhütchen und einem Hawaiihemd ausgestattet hatte.
All dies erkannten wohl die meisten Zuschauer als Teil ihrer eigenen (früheren) Lebenswirklichkeit oder aus der Erinnerung – immer wieder erklang Lachen über einzelne Szenen oder Dialoge, und das Publikum spendete üppigen Applaus.
Die Aufführung war jedenfalls ein einzigartige Abwechslung im Heim-Alltag und für Darsteller und Zuschauer ein unvergeßliches Erlebnis. Der einzige kleine Wermutstropfen, die auffällige Abwesenheit des Einrichtungsleiters, wurde von verschieden Seiten mit Unverständnis quittiert, konnte aber den grandiosen Erfolg unseres Projektes nicht schmälern.
Beim anschließenden Publikumsgespräch wollten die Fragesteller unter anderem wissen
wie lange hatten wir geprobt?
wie sind Schüler und die alten Leute zusammengekommen?
wie wurde das Stück erarbeitet?
und immer wieder: ob wir das Projekt weiterführen und eine Fortsetzung planen.
Damit stand schon nach dieser ersten Aufführung fest: die Zuschauer fanden es klasse, sie würden gern mehr davon sehen und die Beteiligten, die Darsteller – und zwar alt und jung – brachten allesamt zum Ausdruck, wie viel Ihnen das Projekt gebracht hat und wie gerne sie bei einer Fortführung dabei wären.
Irgendeiner brachte die Idee auf, dass wir doch Hausmeister Johanns projektbegleitende Zeichnungen versteigern und das damit eingenommene Geld als Basis für die Projektfortführung benutzen könnten. Und tatsächlich kam aus dem Bereich des Publikum schon die eine oder andere Anfrage, ob und wie man diese Bilder erwerben könne.
So vermischten sich Bühnenfiktion und Realität, und Hausmeister Johann wird – ganz wie seine Johanna viisioniert hatte – vielleicht doch noch wenn nicht berühmt, dann zumindest ein Künstler, der auch mal ein Bild verkauft, statt nur in seinem Büdchen brotlose Kunst zu produzieren.
Hausmeister Johann: Vom brotlosen Künstler zum Projektfinanzier?Wunder gibt es immer wieder…
Stimmen zum Stück:
„Du warst unsere Stütze!“ (Magdalene Söldner zu Elias Thai)
„Alter ist nur eine Zahl“ (Max Messner)
„Der Generationen-Austausch ist so wichtig!“ (Ursula Schmidt-Straer)
„Ich freue mich wirklich, dass die Jugendlichen gesagt haben, dass sie es hier bei uns schön finden…!“ (Traudel Blasberg)
„Man kann sich auch als jüngerer Mensch mit älteren anfreunden!“ (Maxi Düking)
„Das war eine neue Erfahrung auf den alten Tag!“ (Magdalene Söldner)
„Respekt und Dank an die beiden Ältesten, Frau Baum und Frau Söldner, dass sie hier dabei waren!“ (Elias Thai)
„Alles ist möglich, egal wie alt man ist!“ (Astrid Jäger)
“Wenn die Generalprobe in die Hose geht, wird die Premiere ein Erfolg!“ (Annie We)
Wesentliches Fazit: Die Zusammenarbeit im Theaterprojekt hat für beide Enden des Altersspektrums die nützliche und konkrete Erfahrung gebracht, die eigenen Sichtweisen auf Alter beziehungsweise Jugend zu überprüfen und in eine neuen Perspektive zu rücken. Wie es aus den Reihen der Jugendlichen formuliert wurde: „Meine Erfahrungen mit diesem Projekt? Dass nicht alle alten Leute keine Jugendlichen mögen.“
Die älteste und die jüngste Teilnehmerin: Maria Baum (106) und Marla Rüter (11)